PORTRAIT Als junger Mann hat der Schweizer Charles
Robert Botta Autobahnen durch den afrikanischen Dschungel
gebaut. Heute kontrolliert er als Bauherrenvertreter des
Weltfußballverbandes FIFA die Stadienbauten in Südafrika.
Fachgespräche über Sport meidet er.
Über 47 Millionen Südafrikaner,
mehrere Millionen Fußballfans,
der Weltfußballverband FIFA und
der Schweizer Immobilienunternehmer
Charles Robert Botta haben im Moment
ein und dasselbe Ziel: dass die Bauarbeiten
zügig voran gehen und Südafrika
bis zum Anpfiff am 11. Juni 2010 zehn
topmoderne Fußballstadien präsentieren
kann. „Modern genügt nicht, WMtauglich
müssen sie sein. Und das ist eine
Philosophie für sich“, sagt der Immobilien-
Controller der FIFA. Alle sechs Wochen
hält er sich für eine Inspektion mit
fester Agenda in Südafrika auf. Die Aufgabenstellung
ist ebenso eindeutig wie
komplex: Er und seine Crew müssen sicherstellen,
dass die FIFA Stadienbauvorschriften
überall eingehalten werden
und die Realisierung im Zeitplan bleibt.
„Über den Berg sind wir noch nicht, aber
alle Spielstätten werden fristgerecht fertig
sein“, versichert der 57-Jährige mit
ruhiger, fester Stimme.
Während sich in den Medien Berichte
über Streiks und Unruhen mehren, demonstriert
der hoch gewachsene Manager
Gelassenheit. Streiks gäbe es immer wieder.
Aber die seien auch auf italienischen
Baustellen normal. Botta, der in der
Schweizer Armee in verschiedenen Führungspositionen
war, geht seinen FIFAAuftrag
wie jedes Großprojekt an: als Aufgabe,
die Struktur und vor allem Führung
braucht. Eine Punktlandung will er für
den Weltfußballverband und seinen einflussreichen
Präsidenten Joseph S. Blatter
erreichen. Wohl wissend, dass auf dem
schwarzen Kontinent weder Menschen
noch Baustellen wie ein Schweizer Uhrwerk
ticken. „Man darf von afrikanischen
Arbeitern viel fordern, aber man darf
nicht mit ihnen spielen. Sie merken genau,
ob man echt oder unecht ist“, weiß Botta
aus Erfahrung. Die Fußball-WM sei ein
Riesenkredit für so in Land. „Am Ende
werden die Spiele ruhiger ablaufen als die
meisten heute denken“, glaubt er.
Abenteurer aus Passion
Schon früh kam der Sohn eines Bauunternehmers
mit dem Immobiliengeschäft
in Kontakt. Sein Vater errichtete
im Heimatstädtchen Oftringen nicht nur
jede Menge Einfamilienhäuser, sondern
auch das erste Hochhaus des Ortes. Der
Sohn wollte höher hinaus und vor allem
weiter weg. An der westafrikanischen Elfenbeinküste
suchte er das große Abenteuer.
Für ein Schweizer Baukonsortium
zog Botta 1976 bis 1981 Autobahnen
durch den afrikanischen Dschungel.
„Geplant war, dass ich ein Jahr bleibe. Am
Ende waren es fünf“, erinnert er sich
heute. In Afrika lernte der Schweizer
nicht nur das Leben unter freiem Himmel
und seine eigenen Grenzen kennen,
sondern auch, was es heißt, Großbaustellen
für Straßen- und Brückenbauten zu
führen. „Wir haben bis zu 2.000 Afrikaner
und 30 Weiße gleichzeitig beschäftigt.
Führen macht Spaß“, findet Botta.
Nach so viel „Erdung“ nahm er nach
seiner Rückkehr nach Europa erst einmal
ein berufsbegleitendes Studium für Systemmarketing
in St. Gallen auf. „Ich war
zu jung, um mental stehen zu bleiben“,
beschreibt er den damaligen Wunsch, die
geballte Managementerfahrung theoretisch
anzufüttern. Das Studium trug
Früchte. Als 30-Jähriger war der studierte
Bautechniker bereits Geschäftsführer einer
Baustofffirma mit internationalem
Vertrieb. Doch Afrika ließ ihn nicht los.
1983 brach er erneut zu einem Abenteuer
auf den schwarzen Kontinent auf. Ziel war
dieses Mal Zaire. Gemeinsam mit dem
Landsmann Jürg Lüthi wurde er aus
35.000 Bewerbern für die sogenannte
„Camel Trophy“ ausgewählt, eine Art Autorallye
mit Expeditionscharakter, die 1980
von der Zigarettenmarke Camel ins Leben
gerufen worden war. Die Rallye fand bis
zum Jahr 1999 jährlich und stets in einem
anderen Land statt. Eine Boulevardzeitung
druckte Fotos der ersten Rallye mit
Schweizer Beteiligung ab. Teamgeist sei
wichtiger als Draufgängertum, heißt es in
einer Bildunterschrift. Im Bildmittelpunkt:
Botta und Lüthi, die schwitzend ihren Rover aus dem Sand buddeln. Daneben
umgekippte Jeeps und holprige
Pisten. 17 Tage haben die beiden für die
2.300 Kilometer durch Dschungel- und
riesige Sumpfl andschaften benötigt. Das
alles bei 40 Grad Celsius.
Adagio in Berlin
Dass der begeisterte Sportfl ieger heute
als Bauherrenvertreter des weltgrößten
Sportverbandes über den Fortgang der
Stadienbauten wacht, hat nur indirekt etwas
mit seinen Afrika-Abenteuern zu tun.
Sein Erfahrungsschatz kommt ihm zwar
zugute, wie er selbst betont. Den Fuß in
die große Tür der FIFA bekam er aber rein
zufällig. Ende der 1990er Jahre eröffnete
der Berliner Tanzclub „Adagio“, den der
Entertainmentmanager Freddy Burger als
Franchisekonzept auch in Bern und Zürich
betreibt. Projektentwickler der deutschen
Ausgabe war Botta. Burger, der
auch Sänger Udo Jürgens betreut, machte
den Developer mit dem damaligen FIFAFinanzchef
bekannt. So kam der Stein ins
Rollen und das Schweizer Immobilien-
Allround-Talent setzte sich fortan intensiv
mit den Immobilienwünschen von Sportverbänden
auseinander. Damit sind keineswegs
nur Stadien oder Multifunktionshallen
gemeint, sondern auch Verwaltungsgebäude
und Trainingscenter. Für
den Internationalen Eishockeyverband
(International Ice Hockey Federation,
IIHF) baute Botta die Villa des ehemaligen
Stadtpräsidenten von Zürich in eine
repräsentative Büroadresse um. Sein Meisterstück
lieferte er jedoch mit dem 2006
eröffneten „Home of FIFA“ auf dem Zürichberg
ab. Das größte Bauprojekt in der
Geschichte des Weltfußballverbands wurde
dank Bottas geschicktem Regiment in
einer Rekordzeit von nur 23 Monaten fertiggestellt.
Der Entwurf der Schweizer Architektin
Tilla Theus ist einzigartig: Er
drückt den Stolz der FIFA mit ihren weltweit
208 Mitgliedsverbänden aus und
passt sich dennoch perfekt in die landschaftlich
eher unspektakuläre Umgebung
am Zürichberg ein. Keine leichte
Aufgabe: Das Baurecht für das Areal der
ehemaligen Sportanlage der Credit Suisse
ließ nur zwei Obergeschosse zu. Also gab
Theus dem 250 Millionen Schweizer Franken
teuren Neubau fünf unterirdische
Stockwerke. Die 20 Meter tiefe und
200.000 Kubikmeter große Baugrube war
die größte, die je in der Schweiz ausgehoben
wurde.
Energetisch setzt das neue FIFA-Zuhause
höchste Maßstäbe: Die Sonnenseite
beheizt die Schattenseite des Gebäudes,
so gehört es zu den ersten Null-Emissionsgebäuden
im Alpenland überhaupt.
Zwei der eindrucksvollsten Räume liegen
im dritten Untergeschoss: der Sitzungssaal,
in dem das FIFA Executive Comitee
(Exco-Raum) tagt, sowie der Meditationsraum,
den die Architektin als Raum im
Raum konzipiert hat und der rundherum aus stark lichtdurchlässigem Onyx-Marmor
besteht. Überhaupt wurden vor allem
Naturmaterialien verwendet: Glas, Stein
und Holz.
Zufriedenheit bei der FIFA
„Bei jedem Bauprojekt geht es darum,
Menschen und ihre verschiedenen Vorstellungen
unter einen Hut zu kriegen.
Wir Schweizer versuchen das oft mit der
für uns typischen Buchhalter- oder Uhrmachermentalität.
Was natürlich nicht
immer glückt“, sagt Botta. Im Fall des
FIFA-Neubaus nutzte er seine Menschenkenntnis
und eine kleine Portion List.
Um langwierige, zeitraubende Materialdiskussionen
zwischen den vielen involvierten
Entscheidungsträgern zu vermeiden,
gab er eine Million Schweizer Franken
für einen „Musterpavillon“ aus. „Das
beste Investment, das wir bei diesem
Projekt gemacht haben“. Vorteil des Verfahrens:
100 Prozent Transparenz, 100
Prozent gefühlte Demokratie. „Alle Bauherren
möchten als Kunden behandelt
werden. Dank Musterpavillon bekamen
wir ungemein schnelle Entschlüsse. Alle
haben sich als Entscheider gefühlt“, sagt
Botta, der wenig Minenspiel zulässt, an
dieser Stelle aber ein zufriedenes Lächeln
über sein braun gebranntes Gesicht
schickt.
Zwischen dem afrikanischen Urwald
und dem aufgeräumten Zürichberg liegen
weitere Stationen, vor allem als Portfoliomanager.
Er begleitete den „geordneten Rückzug“ für notleidende Shoppingcenter-
Gesellschaften in den USA
und in Portugal und im Moment lautet
sein Reiseziel immer häufiger Sotschi.
Für zwei Olympiaimmobilien hat er in
dem russischen Bade- und Kurort die
Regie übernommen: den Bau des Zentralen
Olympiastadions mit 45.000 Sitzplätzen
und einem Investitionsvolumen von
390 Millionen Schweizer Franken sowie
für den 360 Millionen Schweizer Franken
teuren Eishockey-Palast mit 12.500 Sitzplätzen.
„Die Rezession hat tiefe Narben
in der russischen Wirtschaft hinterlassen.
Aber bisher ist kein Olympiabauprojekt
gestoppt worden“, berichtet er. Die
große Portion Zuversicht kommt nicht
von ungefähr. Mehrfach hat Botta miterlebt,
dass erfolgreiche Bauprojekte den
wirtschaftlichen Turnaround für eine
ganze Region bewirken können. Mit Urwaldautobahnen
und -brücken hat er vor
mehr als 30 Jahren angefangen. Vielleicht
werden die Stadienbauten in Russland
und Südafrika ähnliche Erfolgsgeschichten
schreiben. Mehr internationale
Anerkennung für die beiden Olympiaausrichter
wäre sicherlich auch für den
Schweizer eine schöne Bilanz.
Noch immer ist der rastlose Manager
viel auf Reisen. Ruhephasen genießt der
Hobbykoch in der Küche, und er genießt
Rotwein – „in Maßen“. Sport spielt für
den begeisterten Ruderer und Jogger bis
heute eine große Rolle. Trotzdem spricht
er mit den Verbandspitzen des IIHF keine
Silbe über Eishockey und mit den FIFALeuten
niemals über Fußball. „Aus Fachsimpeleien
halte ich mich heraus. Ich bin
der Immobilienmann. Den Ball spielen
die anderen.“
Charles R. Botta hat das Bauhandwerk von der Pike auf erlernt. Nach seiner Ausbildung
zum Bauzeichner und dem Abschluss am Bautechnikum IBZ in Zürich arbeitete er für
verschiedene Unternehmen der Baubranche in der Schweiz und im Ausland. Seit 1989 hat
er sich mit seiner Botta Management Group AG einen Namen als Turnaround-Spezialist,
Manager auf Zeit oder direkt beteiligter Unternehmensführer gemacht. Er verantwortete
die erfolgreiche operative und finanzielle Sanierung verschiedener in- und ausländischer
Unternehmen und deren Verkauf, wie der Euroactividade SA Holding Company in Portugal,
einer Firma im Bereich Immobilien, Tourismus, Golf und Hotellerie, und der USTochtergesellschaften
der Intershop Holding. Bei der Publica, der Pensionskasse der
Schweizerischen Eidgenossenschaft, zeichnete er 1998 bis 2003 als Leiter Immobilien verantwortlich
für den Aufbau und das strategische Management des Immobilienportfolios.
Seit 2000 liegt ein weiterer Schwerpunkt seiner Tätigkeit auf dem Bau- beziehungsweise
dem Baucontrolling und -monitoring der Verwaltungsgebäude von Sportverbänden sowie
von Sportstätten für Großveranstaltungen. Botta ist geschieden und hat drei Kinder.
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